Mit 13 Jahren die erste harte Alkoholerfahrung: Auf einer Party wollte Hermann Wenning cool sein, klaute von zuhause Schnaps, abgefüllt in zwei neutralen 0,7-l-Flaschen. Er trank davon einen halben Liter. Sein Magen wurde ausgepumpt.
Hermanns Alkoholsucht begann schleichend. Er konnte kein Ereignis nennen, ab dem er sich richtig süchtig fühlte. Da sei keine Warnlampe angegangen.
Die Prüfungsangst, die Langeweile, es gab viele Gründe. Dann immer wieder der körperliche Entzug, das Nüchternwerden. Hermann Wenning erzählte von seiner Maßlosigkeit beim Trinken. Am Abend zwei Bier, das ging nicht.
Mit 31, bei einem Aushilfsjob in einer Disco, dann die Erfahrung mit einer illegalen Droge: Ecstasy. Die Wirkung war für ihn wie ein Schuss auf den Mond. Dementsprechend groß war der Wiederholungsdrang. Doch mit der Zeit wurde die Wirkung immer geringer, später ging es nur noch darum, die Entzugssymptome zu dämpfen. Ein typischer Verlauf bei einer Drogensucht.
Der Rausch am Wochenende bewirkt, dass der natürliche Kreislauf der Glückshormone völlig aus dem Gleichgewicht gerät. Das Tal danach ist sehr tief. Da sind depressive Stimmung und das Bedürfnis, durch Drogen wieder herauszukommen. Ein Teufelskreis.
Die Drogen verändern Hermann. 1989, 1992 und 1994 war er Sieger beim Lechner Volkslauf. Ein hervorragender Leichtathlet. Doch unter den Drogen verlor er das Interesse am Sport. Hermann verlor seine Arbeitsstelle, seine Freundin, seine Wohnung.
Ein Satz, der in Erinnerung bleibt: „Drogen machen einsam“.
Der Raubbau am Körper war unglaublich: Alkohol, Tabletten, illegale Substanzen, Kettenrauchen.
Beschaffungskriminalität wurde ein Thema. Und damit auch ein Leben im Gefängnis. Ein weiterer Tiefpunkt.
Irgendwann zeigte ihm sein jüngerer Bruder Zeitungsartikel mit Berichten von seinen Siegen über 10.000 Meter beim Lechner Volkslauf. Hermann begann wieder mit dem Laufen. 20 Minuten. Im Gefängnis, während des Hofganges. Es gesellten sich Mithäftlinge dazu. So entstand ein Lauftreff von eingesperrten Menschen. Hermann steigerte sich, schließlich konnte er eine Stunde durchlaufen. In seinen schlechtesten Tagen schaffte er nur wenige Treppenstufen.
Ein Wärter meldete Hermann beim Citylauf Neumünster an. Der erste Wettkampf nach langer, langer Zeit. Er lief dem Wärter davon. Acht Minuten Vorsprung. Wartete im Ziel.
Er lernte wieder, dass man sich Glücksgefühle ehrlich und ohne Abkürzungen verdienen kann, bzw. muss.
Hermann unterzog sich einer weiteren Therapie. Und lief weiter. Er lernte, über seine Gefühle und seine Bedürfnisse zu sprechen. Und dass er mit seinen Sorgen und Problemen nicht allein ist.
Hermann sagte, er habe Glück gehabt, dass er da herausgekommen sei. Ich glaube, das war bei Weitem nicht nur Glück. Da ist etwas in Hermann, eine unglaubliche Kraft, mit der er diese tiefe Lebenskrise bewältigen konnte. Hermann berichtete: Nur 20 % der Alkoholiker werden dauerhaft nüchtern, nur 5 % der Menschen, die Heroin nehmen. Hermann überwand beides und ist nun seit 19 Jahren nüchtern. Hermanns Vater hat noch erlebt, wie sein Sohn zurückkam.
Hermann arbeitet nun in Ahlen für die Stadt. Er reist mit seiner Geschichte durch Schulen, Gefängnisse und Suchteinrichtungen. 30 Schulen pro Jahr. Hermann ist nun 61. Ich hätte ihn deutlich jünger geschätzt. Er wirkt körperlich sehr fit.
Hermann schilderte in unserer Bibliothek seine Geschichte ruhig, authentisch und sachlich. Er braucht keinen Zeigefinger. Er hat das Gefängnis und das Obdachlosenheim. Und viele verstorbene Weggefährten. Er spricht frei, im direkten Kontakt zu unseren Schülern. Wohldosiert unterbrochen durch Vorlesen aus seinen beiden Büchern.
Hermann beeindruckte die gesamte EF. Alle hörten gespannt zu, der Schlussapplaus war lang, sehr lang. Eigentlich gab es zwei Applausrunden am Ende. Die Fragen der Schüler waren zahlreich, klug gestellt und zeigten das große Interesse für das Thema und den Menschen Hermann Wenning.
Durchführung: Hermann Wenning
Organisation: Boris De Wijn, Drogenbeauftragter des Lessing-Gymnasiums
Gast vom Gymnasium Pesch, 10 Jahre nach Erstkontakt: Tim
Text und Bilder: Jörg Mäß





<